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Individuelle Mythologien

Was sind „Individuelle Mythologien“?

In meiner Kunst bediene ich mich tradierter Mythologien im Sinne der Definition des „Brockhaus“ und stelle sie in einem neuen individuellen Kontext. Der „Brockhaus“ definiert „Mythos“ wie folgt: „ [griech. Mythos „Wort“, „Rede“, „Erzählung“, „Fabel“] (...) 1) die Erzählung von Göttern, Heroen u.a. Gestalten und Geschehnissen aus vorgeschichtl. Zeit; 2) die sich darin aussprechende Weltdeutung eines frühen (myth.) Bewusstseins; 3) das Resultat einer sich zu allen Zeiten, auch in der Moderne („neue Mythen“), vollziehenden Mythisierung im Sinne einer Verklärung von Personen, Sachen, Ereignissen oder Ideen zu einem Faszinosum von bildhaftem Symbolcharakter.“ (Brockhaus, Mannheim 2006)

Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski weist in seinem Buch „Die Gegenwärtigkeit des Mythos“ auf die Unbestimmtheit hin, die heute mit den Ausdrücken „Mythos“ und „mythisch“ verbunden ist. „Im eigentlichen Sinne beziehen sich diese Worte nämlich ... auf Situationen, die der empirischen Wirklichkeit sowie der irdischen Zeit vorangehen, die diesen jedoch einen konzisen Sinn geben und ein außerzeitliches, dem realen Werden enthobenes Paradigma schaffen, eines, dem man im realen Werden nacheifern muss; sowohl die Geschichten, aus denen sich die religiösen Mythologien zusammensetzen, wie die philosophischen Prinzipien, die in den Realitäten der Kultur die stufenweise Erfüllung außerhistorischer Essenzen sehen ... fallen unter diese Charakteristik.“ (Zitiert nach: Felix, Zdenek: Die wunderbare Reise des Michele de  la Sainte Beauté. In: Museum Folkwang Essen, Hrsg.: Michael Buthe - Die endlose Reise der Bilder. Essen 1980, S. 12)

Sicherlich ist deutlich geworden, dass der Begriff „Individuelle Mythologien“ per se einen Widerspruch zur aufgeführten Mythos-Definition darstellt, konfrontiert er doch die traditionelle Begriffsbestimmung von Mythos, der an das Kollektiv gebunden ist, mit privatistischen Realitätsentwürfen. „Individuelle Mythologien“ bezeichnen immer auch einen gestörten Kommunikationsprozess zwischen Produzent/in und Publikum, für das die verrätselten Botschaften des Kunstwerkes nicht mehr oder nur noch partiell dekodierbar sind. Insofern erlaubt die symbolische Bildsprache der Künstler/innen den Rezipient/inn/en Einblicke in eine Sphäre, die als „privat“ empfunden und gleichwohl durch den Rückgriff in das Private gesellschaftskritisch gewertet werden kann.

Individuelle Mythologien, der Begriff also, den ich zur kategorischen Beschreibung meiner eigenen Kunst verwende, wurde bereits 1963 von Walter Szeemann während der Vorbereitung auf eine Ausstellung des französischen Plastikers Étienne-Martin geprägt. Dem internationalen Kunstbetrieb wurde der Begriff allerdings erst durch die Documenta 5  bekannt, die von Walter Szeemann kuratiert wurde und die den Titel „Befragung der Realität - Bildwelten“ trug. 

Innerhalb der Documenta 5 repräsentierten die „Individuellen Mythologien“ die Kategorie „Wirklichkeit der Abbildung“. Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen betonte die Documenta 5 das kritisch-politische Moment in der Kunst. Szeemann brach - erstmalig in der Geschichte der Documenta - mit kuratorischen Konventionen, indem er - wie auch schon in seiner legendären Ausstellung „When Attitudes becomes Form“ (1969) - Kunst vom musealen Kontext löste und die Prozesshaftigkeit des künstlerischen Werkes betonte. Dies zeigte sich beispielsweise darin, dass Fluxus- und Happening-Kunst, genauso wie sogenannte Nicht-Kunst aus der Psychiatrie, der gesellschaftlichen Ikonographie und der politischen Propaganda, präsentiert wurden. Szeemann gab Künstlern die Gelegenheit, frei zu produzieren und löste somit das statisch-museale Moment der Vorgänger-Documentas auf. Im Rückblick wird die Documenta 5 in der Literatur als eine der wichtigsten Kunstausstellungen des Zwanzigsten Jahrhunderts gewertet. Individuelle Mythologien fungierten im zeitlichen Kontext der siebziger Jahre erst einmal als unscharfe Sammelbezeichnung für künstlerische Äußerungen, die jenseits eines eingrenzenden Paradigmas anzusiedeln waren. Mittlerweile hat sich die Terminologie „Individuelle Mythologien“ durchgesetzt, um eine Kunstrichtung zu definieren, in der Künstler/innen ihre eigenen mythologischen Vorstellungen in eine symbolisierende Bild- und Zeichensprache umsetzen.

„Die Individuellen Mythologien stehen für eine gewisse Wende zu Beginn der siebziger Jahre, die mit dem Rückzug in private Bereiche umschrieben werden kann und bezeichnenderweise ähnliche Phänomene auf gesellschaftlicher Ebene wiederspiegeln. Dieser Schritt lässt sich auch als Abwendung von der Rationalität und objektiven Allgemeingültigkeit der Minimal- und Concept-Art erklären. Eine Tendenz zum Sammeln und zur systematischen Dokumentation schafft enge Bezüge zur zeitgleichen Spurensicherung, die diese Merkmale noch intensiver pflegt, bis hin zu quasi museologischer Präsentation. Typisch für die Individuellen Mythologien sind große, manchmal sich auf einen ganzen Raum ausbreitende Environments und Installationen, die oft den Charakter einer Kultstätte annehmen.“ (Stegmann, Markus/Zey, René: Lexikon der modernen Kunst. Techniken und Stile. Hamburg 2000, S. 66f)

Harald Kimpel schreibt: „Individuelle Mythologien konfrontieren die Außenwelt mit visuellen Manifestationen, die sie als ihre eigene Wirklichkeit ausgeben, mit selbst erzeugten Bildwelten, deren komplexe Gefüge aus Zeichen und Symbolsystemen den Anspruch eigenständiger Realität erheben. Das Konzept nimmt also diejenigen Künstler/innen ernst, die sich - stets in Gefahr, als „Spinner“ (Harald Szeemann) abgetan zu werden - mit ihren Bildwelten aus den Konventionen des kollektiven Wirklichkeitsverständnisses ausklinken und Entwürfe eines Kosmos liefern, der nur den eigenen kontrollierten Gesetzmäßigkeiten gehorcht.“ (Kimpel, Harald: Individuelle Mythologien. In; Butin, Hubertus, Hrsg.: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst. Köln 2006, S. 120)Nach Walter Szeemann stellt hier Egozentrik den Anspruch, eine allgemeingültige Sprache zu sprechen.   (Originalquelle leider nicht bekannt. Siehe auch: Wiese, Stephan von: Michael Buthe. Sculptura in Deo Fabulosa. München 1983, S. 156)

Wichtige Vertreter/innen dieser Kunstrichtung, die während der Documenta 5 im Dachgeschoss des Museum Fridericianum als obsessiv künstlerische Einzelgänger/innen ihre emotionalen Privatssphären und ihre existentiellen Selbsterfahrungen präsentierten, sind Étienne-Martin, La Monte Young, Marian Zazeela, Paul Thek und eben Michael Buthe (sic!). Weitere Vertreter/innen sind Jürgen Brodwolf, James Lee Byars und Panamarenko.